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Raus aus den Silos: Wie sozialer Aufstieg trotz ungleicher Startbedingungen gelingen kann
Soziale Ungleichheit ist vielschichtiger als oft anerkannt. Mit Blick auf die Sozialstaatsreform braucht es eine Politik, die Benachteiligungen umfassend adressiert und Vermögensaufbau für alle ermöglicht.
Die soziale Frage ist zurück. Inmitten eines groß angelegten Reformprozesses diskutiert die Republik hitzig über Gerechtigkeit. Widersprüchliche Vorstellungen treffen dabei auch innerhalb der Regierung aufeinander, markieren Konfliktlinien und füllen die Schlagzeilen. Zugleich kristallisiert sich aber ein Stück Einigkeit heraus, denn viele halten den sozialen Aufstieg durch eigene Leistung für kaum noch möglich. Soziale Mobilität zu fördern ist entsprechend eine drängende politische Baustelle, zumal das Leistungsprinzip die Gerechtigkeitsvorstellungen vieler Menschen in Deutschland prägt und die wenigsten der Regierung zutrauen, die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest zu machen.
Um diese Gemengelage aufzulösen, müssen die zugrundeliegenden Probleme richtig diagnostiziert werden. Dazu gehört unter anderem anzuerkennen, wie komplex Ungleichheit und soziale Mobilität wirklich sind. Auf dieser Basis kann dann eine Politik aufbauen, die den Vermögensaufbau in der Breite der Gesellschaft ermöglicht.
Vermögen als zentrale Wohlstandsgröße
Tatsächlich gibt es beim sozialen Aufstieg in Deutschland Handlungsbedarf. Im internationalen Vergleich gelingt dieser hierzulande zwischen Generationen nur schwer und jüngst war die Einkommensmobilität weiter rückläufig. Allerdings sind Arbeitseinkommen mit Blick auf den Gesamtwohlstand des Landes inzwischen eher ein Nebenschauplatz. Obwohl sich die Politik bei sozialen Fragen oft reflexartig um Einkommen als zentrales Maß dreht, spricht vieles dafür, die Vermögen stärker in den Fokus zu rücken.
Diesen Umstand illustriert die sogenannte „Wealth-to-Income Ratio“, die die Gesamtvermögen der Haushalte mit den Gesamteinkommen vergleicht. Waren die Vermögen in Deutschland Anfang der 1950er-Jahre „nur“ rund doppelt so viel wert wie die Einkommen, liegt das Verhältnis inzwischen bei sieben zu eins – und damit sogar über den Werten des Kaiserreichs. Grob vereinfacht: Vermögen werden immer wichtiger für den eigenen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand.
Das Problem des Vermögensaufbaus
Das allein wäre aus Sicht der Sozialen Marktwirtschaft noch nicht notwendigerweise problematisch, wenn Vermögen für die Breite der Bevölkerung verfügbar wären – „Wohlstand für alle“. Der Vermögensaufbau über alle Schichten hinweg wird durch die dargestellten Entwicklungen aber zu einer der zentralen Gerechtigkeitsfragen, die politisch weiterhin zu wenig Aufmerksamkeit erfährt. In der Praxis gelingt die Vermögensbildung in der Breite nämlich nur unzureichend.
Dass die Vermögen in Deutschland ungleich verteilt sind, ist zwar weithin bekannt, aber die Debatte wird einseitig geführt. Während die Vermögenskonzentration am oberen Ende plausible Kritik erfährt, spielt der Mangel an Vermögen am unteren Ende eine nachrangige Rolle. Dabei handelt es sich hier um die Seite der Vermögensmedaille, die Ungleichheit für die meisten Menschen lebensweltlich greifbar macht.
Viele Darstellungen verschleiern die Schwierigkeit eines Vermögensaufbaus aus individueller Sicht, weil sie große Gruppen – z. B. die „unteren 50 %“ – zusammenfassen. Dadurch wirken die unteren Vermögen größer, als sie aus der Sicht jedes Einzelnen sind. Zudem kann schnell der Eindruck entstehen, die obere Mittelschicht sei übermäßig „reich“, was zu fruchtlosen Debatten um mittlere Einkommen und „Omas Häuschen“ führt.
Um die Größenverhältnisse des Vermögensaufbaus aus individueller Sicht darzustellen, muss man die Bevölkerung feingliedriger aufteilen – wo möglich bis in die Nachkommastellen eines Prozents hinein. So ergibt sich z. B. das durchschnittliche Vermögen des „ärmsten“ oder des „fünftreichsten Prozents“. Reiht man diese Kleingruppen dann nebeneinander auf, wirkt das Privatvermögen der allermeisten plötzlich verschwindend gering. Es ergibt sich eine quasi rechtwinklige Vermögensverteilung, die die Ungleichheit sogar noch unterschätzt, da die zugrundeliegenden Daten nicht kleinteilig genug sind, um Milliardenvermögen abzubilden.
Dabei gibt es natürlich erhebliche Vermögensunterschiede zwischen dem ärmsten und dem zweit- oder drittreichsten Prozent, die zu völlig anderen Lebensrealitäten führen. In der gewählten Grafik gehen diese neben den Vermögen am obersten Ende visuell unter. Aber auch wenn man diese Unterschiede einbezieht, schaffen es sehr viele Menschen in Deutschland nicht, sich ein nennenswertes Vermögen aufzubauen. Und selbst der zweifelsohne erhebliche Wohlstand vieler Menschen unter den obersten zehn Prozent erblasst, wenn man das Gesamtvolumen der Vermögen oder den Besitz am obersten Ende der Verteilung als Maß ansetzt.
Für die Frage des Vermögensaufbaus steckt in dieser Erkenntnis aber auch eine hoffnungsvolle Nachricht. Üblicherweise laufen Vermögensdebatten nämlich in eine Sackgasse. Wer Vermögen in die Breite der Gesellschaft tragen will, wird schnell mit der Frage konfrontiert, wann diese Vermögen „zu hoch“ sind. Sind Eigenheim und Sparplan bereits betroffen? Die feingliedrige Betrachtung der Daten zeigt, dass diese Überlegungen im Detail zwar wichtig, in den aller meisten Fällen aber zweitrangig sind. Aus der Vogelperspektive betrachtet lenken Konkurrenzdebatten zwischen oberer und unterer Mittelschicht, zwischen Mittelschicht und Mittellosen, oder selbst zwischen Mittelschicht und reicheren Menschen vom eigentlichen Bruchpunkt der Vermögensverteilung ab.
Abstrakte Daten, spürbare Realitäten
Diese Daten wirken zunächst abstrakt, übersetzen sich für viele Menschen aber in spürbare Alltagserfahrungen. Gerade „am unteren Ende“ der Verteilung erzeugt Mittellosigkeit sozial verheerende Prekarität, schränkt die selbstbestimmte Lebensgestaltung von Menschen ein und untergräbt ökonomische Schaffenskraft. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen zeigen zudem Berechnungen, dass Vermögensaufbau in der Breite der Gesellschaft ein besonders mächtiges Werkzeug zum Abbau der Vermögensungleichheit sein kann.
Auch aus demokratischer und politstrategischer Perspektive spricht vieles für eine Vermögensagenda, die die Frage des Vermögensaufbaus prominent einbezieht. Das gilt insbesondere, wenn man das Zusammenspiel aus den präsentierten Daten ernst nimmt. Wenn die Vermögen so einseitig konzentriert sind und gleichzeitig einen immer größeren Teil des Gesamtwohlstands Deutschlands binden, greifen Umstände ineinander, die gemeinsam zur systemischen Gefahr werden. Statusangst und Frustration über gebrochene Aufstiegsversprechen sind Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn der Alltag teurer wird, die Ersparnisse trotz guter Ausbildung und Vollzeitjob stagnieren oder der Traum vom Eigenheim außer Reichweite gerät. Viele Menschen stellen sich die berechtigte Frage, ob ein System, das Wohlstand für alle verspricht, dieses Versprechen auch hält.
In der aktuellen Lage erscheint ein ernstzunehmender Vermögensaufbau durch die eigene Leistung für die meisten Menschen tatsächlich kaum noch greifbar. Zur Bundestagswahl waren knapp drei Viertel der Deutschen der Ansicht, in Deutschland entscheide zu oft das Elternhaus über die Chancen, die man im Leben hat. Zwei Drittel gaben an, es sei inzwischen kaum noch möglich, sich aus eigener Kraft ein Vermögen aufzubauen. Jüngst hielten 81 % der Deutschen die Wohlstandsverteilung für ungerecht, mit großen Mehrheiten über alle Parteien, Bundesländer, Alters- und Einkommensgruppen hinweg.
Die Komplexität von Privilegien
Die öffentliche Wahrnehmung und die Empirie greifen also ineinander. Wie aber kann dieses Problem gelöst werden? Wie können alle Menschen eine echte Chance auf einen Vermögensaufbau bekommen?
Viele Antworten, die seit Jahren durch die politische Debatte geistern, sind erschreckend einseitig. Einige reduzieren finanziellen Erfolg auf individuelle Anstrengung: wer es nicht schafft, war wohl einfach nicht hartnäckig genug. Andere lehnen individuelle Leistung als Erklärung gänzlich ab und fokussieren sich nur auf strukturelle Ungleichheiten. Auch mit Blick auf Lösungsansätze gibt es eine Tendenz zum vermeintlichen Allheilmittel, seien es nun Bildungsprogramme oder einzelne Steuerreformen.
Isoliert betrachtet greifen all diese Ansätze aber zu kurz, weil sie unterschätzen, wie tiefgreifend und vielschichtig Privilegien und Benachteiligungen wirklich wirken. Anstrengung, finanzielle Mittel, Bildung und Kontakte sind zweifelsohne wichtig, aber sie existieren nicht im luftleeren Raum – ihr Effekt verstärkt sich im Zusammenspiel und begünstigt Generation für Generation immer größere Gefälle zwischen verfügbarem Kapital.
Wer beispielsweise in eine privilegierte Familie hineingeboren wird, verfügt oft über wertvolle Netzwerke, profitiert von frühkindlicher häuslicher Bildung und lernt nicht selten über die eigenen Eltern den Umgang mit Geld. „Soziales Kapital“ kann über Wege wie Mentoring, professionelle Kontakte oder familiären Einfluss zum Türöffner werden, sei es entlang des Bildungsverlaufs, beim Einstieg in den Arbeitsmarkt, oder bei der Bewältigung von Krisensituationen.
Startvorteile sind dabei oft kaum einzuholen. Sie multiplizieren sich im Bildungssystem, wo sie schulische Leistungen erleichtern und Zugänge zu elitären Bildungseinrichtungen eröffnen. So kann mehr „kulturelles Kapital“ erworben werden, sei es in Form von Bildungsabschlüssen, wichtigen Kenntnissen oder bestimmten Verhaltensweisen. Dieses eröffnet später weitere Netzwerkzugänge – frühe Vorsprünge wirken kumulativ.
Und auch mit Blick auf das eigene ökonomische Kapital machen sich Startvorteile bezahlt. Zwar steht es vielen Menschen prinzipiell offen, in lukrative Anlageformen zu investieren, doch hängt diese Entscheidung stark von Finanzwissen, Erziehung und frühen finanziellen Polstern ab. Ähnliches gilt für andere Entscheidungen, die kurzfristig voraussetzungsreich, aber langfristig finanziell lohnend sind, so etwa die Aufnahme eines Studiums oder unbezahlten Praktikums oder die Gründung eines Unternehmens. Gerade, weil Entscheidungen früh im Leben getroffen werden müssen, um langfristig Renditen abzuwerfen, ist die Lotterie der Geburt von entscheidender Relevanz.
Die Potenziale einer Politik, die beispielsweise nur ökonomischen Ausgleich sucht oder nur auf Bildung schaut, würden entsprechend schnell verpuffen, weil einseitige Maßnahmen nicht in der Lage sind, Menschen umfassend zu befähigen.
Die Bedeutung von Leistung
Das Elternhaus bestimmt also weit jenseits der wichtigen, aber oft verkürzten Frage des finanziellen Erbes die Chancen im Leben. Das heißt aber nicht, dass die eigene Anstrengung irrelevant ist. Selbstverständlich ist es entscheidend, ob man die Chancen, die einem zur Verfügung stehen, auch tatsächlich ergreift. Einsatz und Leistung sind auch systemisch tragende Säulen der Sozialen Marktwirtschaft. Damit Anreize für Anstrengung nicht verloren gehen, muss entsprechend sichergestellt sein, dass Leistung auch zum Erfolg führt.
Von diesem Ideal entfernt sich Deutschland mit Blick auf seine vererbte Vermögenskonzentration jedoch zunehmend, wie ein Gedankenexperiment verdeutlicht. In einer hypothetischen Gesellschaft, in der das Leistungsprinzip allumfassend und lückenlos gilt, wäre individuelle Leistung sowohl die notwendige als auch die hinreichende Bedingung für Wohlstand: Niemand könnte ihn ohne Eigenleistung erlangen und alle, die entsprechende Eigenleistung zeigen, würden es auch zu etwas bringen. In der Realität beeinflussen aber unzählige Faktoren die Chancen auf einen sozialen Aufstieg. Da viele dieser Faktoren von der Familie abhängen, in die man hineingeboren wird und sich Privilegien immer stärker konzentrieren, sind diejenigen, die nicht zu den Privilegierten gehören, oft mehrfach benachteiligt.
Politisch wirkt das auf den ersten Blick ernüchternd. Die Bundesregierung kann unmöglich alle denkbaren Benachteiligungen ausgleichen, zumal perfekte Chancengleichheit eine Utopie ist. Ihre Unerreichbarkeit rechtfertigt aber noch lange nicht, die aktuelle Lage hinzunehmen. Um Chancengerechtigkeit herzustellen, ist das abstrakte Ziel der Chancengleichheit ein hilfreicher Nordstern. Zwar lassen sich nicht alle Ungleichheiten auflösen, doch es wäre viel erreicht, wenn man sie umfassend reduziert. Der Kampf für Chancengleichheit ist eine lohnende Sisyphusaufgabe.
Die Lage lässt sich ändern
Trotz aller Widrigkeiten ist die Politik aber alles andere als machtlos. Von Investitionen in die Angleichung von Bildungschancen über den aktiven Abbau der Vermögensungleichheit bis hin zu Maßnahmen gegen Nepotismus in Machtpositionen werden tagtäglich Ideen diskutiert, die partiell Abhilfe schaffen sollen.
Problematisch werden diese Ansätze aus der Perspektive des sozialen Aufstiegs aber dann, wenn die Politik in Silos denkt. Auch die aktuelle Reformdebatte um den Sozialstaat lässt eine übergreifende Strategie, die die verschiedenen Dimensionen sozialer Mobilität miteinander verzahnt, vermissen. Die grassierenden Chancenungleichheiten in Deutschland lassen sich nicht nur durch Bildung oder nur durch Umverteilung lösen. Auch Fragen der Vermögensungleichheit erschöpfen sich nicht in einem einseitigen Fokus auf individuelle Leistung oder auf Besteuerung.
Das soll die Relevanz dieser Ansätze keineswegs leugnen. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade, weil soziale Mobilität so vielschichtig ist, müssen die diversen guten Ideen, die in der Debatte bereits existieren, zusammengedacht und weiterentwickelt werden. Wenn der Staat sich mit Blick auf die Vermögensdebatte also beispielsweise an Umverteilung wagt, dann sollte dies mit befähigenden Maßnahmen einhergehen, die neben ökonomischen auch kulturelle und soziale Gefälle adressieren und Vermögensaufbau und Kompetenzgewinn in die Breite tragen.
Daraus folgt aber auch eine Warnung vor einer Falle, die sich aus verkürzten Diskursen ergibt. Falsche „Entweder-Oder“-Logiken, die Anstrengung gegen strukturelle Faktoren oder Bildung gegen finanzielle Ungleichheit ins Feld führen, suggerieren, dass einseitige politische Maßnahmen umfassende Lösungen seien. Scheitert eine partiell sinnvolle Reform dann an diesem unrealistischen Anspruch, wird sie vorschnell gänzlich verworfen, obwohl man sie schlicht durch weitere Maßnahmen hätte flankieren müssen.
Diejenigen, die strukturelle Ungleichheit abbauen wollen, stehen also vor derselben Herausforderung wie diejenigen, die den Wert eigener Leistung betonen: Sie müssen real-existierende Hürden sozialer Mobilität und ihre Wechselwirkungen identifizieren, um einen Sozialstaat zu schaffen, der Individuen wirklich befähigt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dafür braucht es einen ehrlichen Umgang mit blinden Flecken der Vermögensdebatte und eine politische Strategie, die komplexe Realitäten nicht dogmatisch verkürzt. Der Weg ist klar: Raus aus den Silos. Rein ins Handeln.