- Projekt
- Arbeitsmarkt
- Chancen
Barrieren auf dem Arbeitsmarkt II
Veröffentlicht
25. Februar 2024
Methodik
Experimentelle Feldstudie
Status
abgeschlossen
Ausgangslage
Rund 7,8 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Niedriglohnsektor. Für sie entwickeln sich diese Beschäftigungsverhältnisse besonders häufig zu Armutsfallen. Ein Grund dafür ist, dass Menschen ihre Alternativen auf dem Arbeitsmarkt systematisch unterschätzen.
Arbeitnehmer orientieren sich bei ihren Einschätzungen ihrer Jobalternativen fälschlicherweise an ihrem aktuellen Lohn. Unterbezahlte Arbeitnehmer unterschätzen deshalb systematisch die Löhne, die andere Arbeitgeber zahlen.
Die wichtigsten Befunde
- Bei Arbeitnehmer:innen herrscht ein Unwissen über die Gehälter, die andere Arbeitgeber für die gleiche Arbeit zahlen. Die Studie weist einen sogenannten Anker-Effekt nach – ein Phänomen, das aus der Psychologie und Verhaltensökonomik in anderen Bereichen als dem Arbeitsmarkt bekannt ist. Das bedeutet konkret: Bei ihren Einschätzungen zu Jobalternativen orientieren sich Arbeitnehmer:innen fälschlicherweise an ihrem aktuellen Lohn.
- Dieses Unwissen ist jedoch nicht über alle Arbeitnehmer:innen gleichmäßig verteilt: Insbesondere am unteren Ende der Einkommensverteilung findet sich diese systematische Wahrnehmungsverzerrung.
- Das heißt: Menschen in niedrigen Einkommensklassen unterschätzen besonders häufig, wie viele und welche besseren Optionen für sie vorhanden sind, und verbleiben in ihren schlecht bezahlten Jobs. So entwickeln sich ihre Beschäftigungsverhältnisse für sie zu Armutsfallen.
- Eine reine Bereitstellung von Informationen zur Lohnverteilung in den entsprechenden Berufen ist nicht ausreichend, um Jobentscheidungen zu beeinflussen. Ein Erklärungsansatz: Das im Feldexperiment erfolgte moderate Informationstreatment war nicht stark oder präzise genug, um das durch Sozialisierung und Umfeld geprägte Verhalten der Befragten zu beeinflussen.
Theoretischer Hintergrund
Die Studie „Worker Beliefs About Outside Options“ von Simon Jäger et al. greift eine Idee der Ökonomin Joan Robinson auf, dass die Markmacht von Arbeitgeber:innen am Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielt. Wenig Beachtung fand in diesem Kontext bislang, wie gut Arbeitnehmer:innen überhaupt über die Unterschiede zwischen Jobs Bescheid wissen, also wie transparent Arbeitsmärkte sind.
Aufschluss über die subjektiven Annahmen von Arbeitnehmer:innen über ihre Alternativen am Arbeitsmarkt gibt eine eigens für diese Studie durchgeführte Umfrage im Rahmen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Diese befragte alle Erwerbstätigen zu der von ihnen erwarteten Gehaltsveränderung bei einem Wechsel zur nächstbesten Jobalternative.
Die subjektiven Einschätzungen wurden anschließend anhand administrativer Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Daten (SOEP-ADIAB) mit tatsächlichen Jobalternativen verglichen. So konnten die Forschenden messen, wie akkurat die Befragten ihre Alternativen einschätzen.
Im zweiten Schritt untersuchten die Forscher:innen in einem experimentellen Feldexperiment, ob sich Suchentscheidungen und womöglich auch Gehaltsverhandlungen beeinflussen lassen, indem Wissen über Alternativen bereitgestellt wird. Als Informationstreatment erhielten in der Umfrage des Innovation Sample des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP-IS) 2019 zufällig gewählte 50 % der Befragten genaue Informationen über das Mediangehalt in ihrem jeweiligen Beruf.
Publikationen
- Studie
Worker Beliefs About Outside Options
Arbeitnehmer:innen richten ihre Erwartungen über ihre Alternativen am Arbeitsmarkt fälschlicherweise stark an ihrem aktuellen Lohn aus. Insbesondere Beschäftigte mit niedrigen Einkommen unterschätzen die Löhne, die sie anderswo erzielen könnten.
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