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Wohnungsmarkt und Geburtenrate: Warum fehlender Wohnraum Familiengründungen ausbremst

Zwei Personen stehen in einer leeren Wohnung neben gestapelten Umzugskartons und betrachten gemeinsam ein Dokument, während Tageslicht durch ein Fenster fällt.
KI-generiert mit Magnific

Die Sache mit der Geburtenrate ist vertrackt. Selbst unter idealen Umständen gibt es keine Maßnahmen, die die Geburtenrate in Industrieländern dauerhaft über zwei Kinder pro Frau heben. Es gibt aber viele Faktoren, die sie senken. Über einen davon reden wir viel, aber nie in diesem Zusammenhang: Wohnraum.

Veröffentlicht
15. Juni 2026
Format
Analyse

Die Geburten sind in Deutschland mal wieder auf einen historischen Tiefstand gefallen. 2025 wurden nur 654.300 Kinder geboren, so wenige wie zuletzt 1946. Die Geburtenrate liegt bei 1,35 Kindern pro Frau und damit rund 14 Prozent unter dem Wert von 2021. 

In der öffentlichen Debatte dominieren Erklärungen, die auf veränderte Lebensentwürfe, Zukunftsängste oder die Vereinbarkeit von Karriere und Familie verweisen. Zuletzt sorgte ein Artikel der Financial Times für Aufmerksamkeit, der Smartphones und soziale Medien als mögliche Mitursache für abnehmende Geburtenraten weltweit ins Gespräch brachte. 

Ein Blick über den nationalen Tellerrand stößt jedoch auf einen weiteren Faktor, der in diesem Zusammenhang bei uns wenig diskutiert wird: der Zugang zu passendem und bezahlbarem Wohnraum. Die Erfahrungen aus vielen Ländern zeigen: Wer sich den Platz für Kinder nicht leisten kann, verzichtet, zumindest zeitweilig, auf Kinder. Paare schieben ihren Kinderwunsch auf, bis sie eine geeignete Wohnung haben. Die Geburt des ersten Kindes verzögert sich, das zweite kommt womöglich gar nicht mehr.  

Wohnraum weltweit als zentraler Hebel

Als der zentrale Faktor, der die Geburtenrate in der Moderne gesenkt hat, gilt die höhere Bildung von Frauen. Eine amerikanische Langzeitstudie über vierzehn Länder im Zeitraum von 1870 bis 2012 zeigt: Der Effekt von steigenden Hauspreisen ist genauso stark. Ein Anstieg der Wohnkosten um 10 Prozent führt zu einem Geburtenrückgang von bis zu 0,03 Kindern pro Frau.  

Eine aktuelle Modellstudie aus Südkorea – mit 0,72 hat das Land eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit – beziffert den Anteil der gestiegenen Wohnkosten am Geburtenrückgang zwischen 2015 und 2023 auf etwa ein Drittel oder entsprechend 0,17 weniger Geburten pro Frau. In Japan hatte Tokio 2024 mit 0,96 die niedrigste Geburtenrate aller Präfekturen. Nicht nur Kosten für passenden Wohnraum belasten die Familienplanung, sondern auch sein physischer Mangel: Der Wohnungsmarkt in Ballungsräumen ist von Kleinstappartements dominiert, die für Familien schlicht ungeeignet sind. 

Eine Preprint-Studie von der Universität Toronto aus dem Jahr 2025 kommt für die USA zu dem Ergebnis, dass steigende Wohnkosten die Anzahl der Geburten seit 1990 um elf Prozent gesenkt haben – das ist die Hälfte des gesamten Fertilitätsrückgangs. Auch für Spanien zeigen die Daten einen klaren Zusammenhang zwischen Wohnungsmarkt und Geburtenrate. In den Niederlanden sind die Geburtenraten seit 2010 in den Regionen am stärksten zurückgegangen, in denen die Hauspreise am stärksten gestiegen sind. Auch in der Türkei verzichten viele Menschen auf Kinder, da sie sich in den Ballungsräumen, in denen es die besten wirtschaftlichen Aussichten gibt, sich keine größeren Wohnungen leisten können.

Auch bei uns in Deutschland ist der Einfluss des Wohnungsmarkts auf die Geburten enorm. 18 Prozent der Menschen sagen, dass sie weniger Kinder als gewünscht haben, weil ihnen der Wohnraum fehlt. Das ist hinter der finanziellen Belastung (25 Prozent) der zweitstärkste limitierende Faktor – und liegt damit weit vor der Kinderbetreuung (12 Prozent) oder Zukunftsängsten (13 Prozent).

Sozialpolitische Konsequenz

Wer Paare ermuntern möchte, Kinder zu bekommen, darf nicht ausschließlich auf Geldleistungen oder Elternzeitregelungen setzen. Solange es für junge Paare strukturell schwierig ist, eine ausreichend große, bezahlbare Wohnung oder sogar ein Eigenheim zu finden, werden finanzielle oder kulturelle Anreize kaum Effekt haben.  

Dieser Wohnraum muss nicht zwingend in Innenstadtlage sein. Im Gegenteil: Viele Menschen mit Kindern bevorzugen eher ländliches Wohnen. Aber die Wohnkosten sind in Deutschland ein weitgehend flächendeckendes Problem, jedenfalls dort, wo die meisten Menschen ihre Arbeitsplätze und sozialen Kontakte haben. Denn was häufig übersehen wird: Menschen gründen Familien bevorzugt dort, wo ihr soziales Netz ist, also Freunde, Geschwister, Eltern. Und dieses Netz ist für die meisten Menschen dort, wo die meisten Menschen leben: in großen Städten und ihrem Umland (rund zwei Drittel der Bevölkerung). Das macht es zumindest schwieriger, sie für andere, womöglich auch noch schlecht angebundene, Landstriche zu begeistern.  

Konkrete Instrumente

Es braucht mehr Instrumente, um jungen Menschen, die eine Familie gründen wollen oder gegründet haben, bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Die Grundvoraussetzung ist, dass auch in Zeiten eines wachsenden Single-Anteils in der Bevölkerung (unter jungen wie alten Menschen) weiterhin ausreichend familientaugliche Wohnungen gebaut werden. Belegungsbindungen im sozialen Wohnungsbau sollten Familien mit einem oder mehreren Kindern systematisch bevorteilen. Das heißt natürlich auch: Sind die Kinder ausgezogen, müssen die Wohnungen weitergegeben werden.  

Eine mögliche Nachfolgeregel für das Ehegattensplitting sollte vielleicht auch stärker an die Kinderzahl und den Wohnraum gekoppelt werden. Denn allzu häufig hat eine Familie die geringere Kaufkraft als die WG mit drei Studierenden. 

Alles, was jungen Menschen, jungen Familien hilft, Eigentum zu erwerben, ohne die Preise zu treiben, ist hilfreich, denn Wohneigentum bietet Zukunftssicherheit und bedeutet Wohlstand. Es begünstigt daher in besonderem Maße, dass Menschen ihre Kinderwünsche verwirklichen. Deswegen sorgen ausgerechnet steigende Hauspreise dafür, dass junge Immobilienbesitzer:innen mehr Kinder bekommen. Sie fühlen sich besonders gut für die Zukunft abgesichert. 

Geburtenrate und Wohnraum zusammendenken

Das Wichtigste ist aber: Der Zusammenhang zwischen der Wohnraumsituation und der Geburtenrate verdient mehr politische Aufmerksamkeit. Die Wohnungsfrage strahlt in fast alle Lebensbereiche – auch in diesen. Wohnraum ist die notwendige Bedingung dafür, dass Menschen sich für Kinder entscheiden. All die Themen, die mit großer Emotionalität in den sozialen und klassischen Medien diskutiert werden – etwa Elterngeld oder Ganztagsbetreuung – haben kaum Einfluss auf die Verwirklichung von Kinderwünschen, solange der Wohnraum ungeklärt ist. 

Autor:innen

Siluette, da Bild von Dr. Leonce Röth fehlt

Dr. Elmar Stracke

Policy Fellow

Dr. Elmar Stracke ist Policy Fellow am ZSP und arbeitet derzeit als Fachgebietsleiter Politik in der Abteilung Strategie und Politik des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Sara Herrmann

Praktikantin

Sara Herrmann war von Oktober bis Dezember 2025 Praktikantin am ZSP.