- Impulspapier
- Publikation
ZEIT: 12 Perspektiven auf eine vernachlässigte Ressource
Veröffentlicht
17. September 2025
Autor:innen
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Maike Wittmann
-
Vanessa von Hilchen
Ansprechpartner:in
Judith Straub
Zeit ist die vielleicht knappste Ressource des 21. Jahrhunderts und zugleich die am wenigsten beachtete im politischen Diskurs. Wir behandeln sie oft, als wäre sie reine Privatsache: Wer gut plant, schafft mehr, wer es nicht tut, muss eben Abstriche machen. Eine echte Zeitpolitik, die systematisch Freiräume schafft, bleibt die Ausnahme.
Doch Zeit ist weit mehr. Sie ist eine gesellschaftliche Währung und ein entscheidender Standortfaktor. Ihre Verteilung entscheidet darüber, wie selbstbestimmt Menschen leben, welche Chancen sie ergreifen können, wie innovativ unsere Wirtschaft ist und wie resilient unsere Gesellschaft in die Zukunft geht. Wer über soziale Gerechtigkeit, Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Teilhabe spricht, kann am Thema Zeit nicht vorbeigehen.
Sie bestimmt, ob Eltern nach Feierabend noch Zeit für ihre Kinder haben, ob Pflegekräfte ihre Arbeit mit Sorgfalt ausführen können, ob Gründer:innen eine Idee zur Marktreife bringen. Zeit ist der unsichtbare Rahmen, in dem soziale Rechte wirken und wirtschaftliche Potenziale entstehen. Weil Zeit nicht vermehrbar ist, wiegt ihr Verlust schwerer als der Verlust von Geld. Kapital kann man unter Umständen wieder aufbauen, doch verlorene Zeit ist unwiederbringlich.
Wer wenig Geld hat, verliert oft auch mehr Zeit. Prekäre Jobs etwa bedeuten nicht nur geringe Einkommen, sondern bringen häufig auch Schicht- und Nachtarbeit, unbezahlte Überstunden und fehlende Planbarkeit mit sich. Wer hingegen über finanzielle Ressourcen verfügt, kann sich Zeit erkaufen, zum Beispiel über einen Babysitter, eine Haushaltshilfe oder das Auto, das den Arbeitsweg verkürzt. Die gute Nachricht ist: Zeitverteilung ist gestaltbar. Sie wird geprägt vom Sozialstaat, vom Arbeitsmarkt, von Unternehmensführung, von gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern. All diese Faktoren entscheiden, ob und wie Menschen ihre Zeit frei gestalten können und wie sehr Wirtschaft und Gesellschaft von ihrer Kreativität, Produktivität und Innovationskraft profitieren. Eine zukunftsorientierte Zeitpolitik kann Zeitarmut abbauen, Zeitautonomie stärken und so soziale wie ökonomische Fortschritte gleichzeitig fördern.
Die gute Nachricht ist: Zeitverteilung ist gestaltbar. Sie wird geprägt vom Sozialstaat, vom Arbeitsmarkt, von Unternehmensführung, von gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern.
Die hier versammelten Beiträge zeigen dies aus unterschiedlichen Perspektiven. Denn Zeit ist kein isoliertes Fachthema, das sich in einem einzigen Politik- oder Forschungsfeld verorten lässt. Sie prägt unseren Alltag und unsere Zukunft an so vielen Schnittstellen, dass nur ein mehrdimensionaler Blickwinkel ihrer Bedeutung gerecht wird. Wir haben Stimmen aus der Sozialpolitik eingeladen, die Zeitkosten als verdeckte Barriere zu sozialen Rechten sichtbar machen. Aus der Gesellschaftspolitik kommen Impulse, die Zeitgerechtigkeit als blinden Fleck im Gerechtigkeitsdiskurs begreifen und Reformen skizzieren, die Menschen spürbar entlasten würden. Unternehmens- und Führungsperspektiven hinterfragen Präsenzkulturen und Dauerverfügbarkeit und zeigen, wie moderne Arbeitsorganisation Wohlstand und Lebensqualität zugleich fördern kann. Fachleute aus der Arbeitswelt betrachten Zeit als ökonomischen wie auch ökologischen Faktor. Und aus der feministischen Analyse von Sorgearbeit kommen wichtige Hinweise auf strukturelle Zeitkonflikte, die gesellschaftlich bislang kaum anerkannt sind.
Diese Vielfalt an Perspektiven ist nicht nur bereichernd, sondern sie ist auch notwendig, um Zeitpolitik als verbindendes Thema zwischen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Zielen zu verstehen. Sie zeigt, wie fruchtbar es ist, wenn Expert:innen aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam denken und diskutieren. Es wäre wünschenswert, politische Debatten häufiger so zu führen: multiperspektivisch, konstruktiv und mit Blick auf das große Ganze. Denn Zeit ist mehr als nur eine Ressource von vielen. Sie kann Horizonte öffnen, in denen Menschen selbstbestimmt handeln, Ideen wachsen und Gesellschaft sich erneuern kann. Wo Zeit fehlt, verengen sich Gestaltungsräume. Wo Zeit gewonnen wird, entfalten sich neue.
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