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Psychische Gesundheit ist soziale Gerechtigkeit: Warum Sozialpolitik früh ansetzen muss

Psychische Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für Selbstbestimmung, soziale Teilhabe und faire Lebenschancen. Sie wird früh geprägt und ist ungleich verteilt. Sozialpolitik als Investition zu verstehen, kann dabei helfen, den Teufelskreis aus Armut und psychischer Belastung zu durchbrechen.

Veröffentlicht
8. Januar 2026
Autor:innen
  • Laura Bänsch

Format
Kommentar

Ob Menschen ihr Leben eigenständig gestalten, Verantwortung übernehmen und gesellschaftlich teilhaben können, hängt maßgeblich von ihren mentalen Ressourcen ab. Diese manifestieren sich früh: Ein Großteil psychischer Erkrankungen beginnt im Kinder- und Jugendalter. Sozialpolitik, die diesen Faktor ernst nimmt, darf psychische Gesundheit daher nicht als nachgelagertes Versorgungsproblem begreifen, sondern als gesellschaftliche Ressource. Sie muss die sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Bedingungen in den Blick nehmen, unter denen psychische Belastungen entstehen oder vermieden werden können.

Ein gefährliches Zusammenspiel

Gerade in Krisenzeiten wird deutlich, dass die Ressource der psychischen Gesundheit ungleich verteilt ist: Neue Daten der Charité und des Robert Koch-Instituts zeigen, dass depressive Symptome und Stressempfinden in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Besonders betroffen sind dabei Menschen mit niedrigem Einkommen oder geringerer Bildung: Sie berichten heute fast doppelt so häufig von psychischen Belastungen wie noch vor wenigen Jahren. Pandemie, Preissteigerungen, Zukunftsängste und globale Konflikte treffen dabei nicht alle gleich, sondern verstärken bestehende Ungleichheiten in der psychischen Gesundheit.  

So steigt das Risiko für psychische Belastungen erheblich, wenn Kinder in Armut aufwachsen. Das zeigen Ergebnisse des Präventionsradars der DAK Gesundheit und der COPSY-Studie. Denn Armut bedeutet nicht nur materielle Einschränkung. Sie geht häufig einher mit Ausgrenzung, Unsicherheit, dauerhaften Sorgen um die Situation der Eltern, reduzierten Bildungsmöglichkeiten und einem schleichenden Verlust von Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen. Kinder, die dauerhaft unter Stress, Instabilität und fehlender Unterstützung leben, haben schlechtere Bildungschancen. Sie finden schwerer den Weg in stabile Erwerbsverhältnisse und sind später häufiger auf Sozialleistungen angewiesen.

Damit entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Armut erhöht das Risiko psychischer Probleme. Psychische Probleme erschweren Bildung und Arbeit. Fehlende Chancen oder Krankheiten erhöhen das Risiko erneuter Armut, da viele Menschen durch sie nicht mehr arbeiten können. Es ist ein Teufelskreis, der sich mit jeder Generation fortsetzen kann.

Früh ansetzen, individuell denken

Wenn also psychische Belastungen ihren Ursprung häufig im frühen Lebensalter haben, dann braucht Sozialpolitik Ansätze, die nicht erst reparieren, sondern vorbeugen. Diese Idee ist nicht neu. Der Politikwissenschaftler und ZSP Policy Grantee Prof. Dr. Anton Hemerijck hat sie als Teil der Social Investment-Theorie formuliert: Wohlfahrtsstaaten müssen stärker in Menschen investieren – in Bildung, Betreuung, Gesundheit und Teilhabe – statt ausschließlich die Folgekosten sozialer Risiken zu verwalten.

Entsprechende Maßnahmen können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, Kinder, Jugendliche und ihre Familien wirksam zu unterstützen und gesellschaftliche Belastungen langfristig zu reduzieren. Ein Beispiel dafür ist die Europäische Child Guarantee. Sie erkennt an, dass Armut und psychische Belastungen sich gegenseitig verstärken. Deshalb fordert sie, besonders benachteiligten Kindern einen verbindlichen Zugang zu zentralen Angeboten wie kostenloser frühkindlicher Betreuung, niedrigschwelliger psychosozialer Unterstützung und Gesundheitsversorgung zu sichern.

Allein das kann nachweislich dazu beitragen, chronischen Stress und Entwicklungsrisiken zu verringern sowie stabile Bindungen und Teilhabeerfahrungen zu ermöglichen. Kurz: Es stärkt jene Ressourcen, die Kinder brauchen, um Krisen zu bewältigen und ihre Zukunftschancen zu sichern. Doch zentrale Maßnahmen werden in Deutschland bislang nur teilweise umgesetzt; es fehlen verbindliche Standards, eine ausreichende Finanzierung und eine dauerhaft tragfähige Infrastruktur.

Investition in eine zukunftsfähige Gesellschaft

Eine moderne Sozialpolitik, die dem Anspruch gerecht werden will, psychische Belastungen zu verhindern, statt sie später zu verwalten, braucht konsequente Prävention und die Reduktion sozialer Risiken. Unterstützung darf nicht erst ansetzen, wenn Erwachsene ausgebrannt, erwerbsunfähig oder bereits langfristig erkrankt sind. Kindern sollten Chancen eröffnet werden, bevor sich Risiken verfestigen.

Dazu gehören eine verlässliche frühkindliche Bildung, Schulsozialarbeit und wohnortnahe psychosoziale Angebote, ebenso wie die wirksame Unterstützung armutsbetroffener Familien – insbesondere für Alleinerziehende, die weiterhin ein überdurchschnittliches Armutsrisiko tragen. Existenzielle Unsicherheit zählt zu den stärksten Treibern psychischer Belastungen; sie zu verringern, ist daher eine zentrale Aufgabe. Damit das gelingt, braucht es klare Zuständigkeiten in der Armutsprävention, langfristige Strategien sowie eine gesicherte Finanzierung von Förderungs- und Unterstützungsangeboten. Genauere Datengrundlagen können dabei helfen, Wirkungen zu verstehen und Maßnahmen gezielt zu verbessern. Sozialpolitik muss verlässlich, planbar und überprüfbar sein.

Eine solche Weiterentwicklung bedeutet, die Sozialsysteme strategisch anders auszurichten: nicht als Reparaturbetrieb, sondern als langfristige Investition in die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.

Autorin

Laura Bänsch

Projektassistenz

Laura Bänsch war von November 2022 bis Dezember 2025 als Projektassistenz beim ZSP tätig.